Arbeit/Zeit. Umkämpfte Beziehungen und umstrittene Deutungen im 19. und 20. Jahrhundert

Arbeit/Zeit. Umkämpfte Beziehungen und umstrittene Deutungen im 19. und 20. Jahrhundert

Organisatoren
German Labour History Association; Museum der Arbeit und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg; Rosa-Luxemburg-Stiftung; Hans-Böckler-Stiftung; Friedrich-Ebert-Stiftung
Ort
Hamburg
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
03.11.2022 - 05.11.2022
Von
Anna Strommenger, Universität Bielefeld; Anne Kremer, Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Universität Mannheim

Dient eine exakte Arbeitszeiterfassung dem Schutz der Arbeitnehmenden oder ermöglichen gegenteilige Konzepte wie Vertrauensarbeitszeit mehr Selbstbestimmung und eine bessere Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie? Entsprechende Debatten, wie sie aktuell im Zuge des Bundesarbeitsgerichtsurteils vom September 2022 zur verpflichteten Arbeitszeiterfassung geführt werden, verweisen auf das auf vielen Ebenen umkämpfte Verhältnis von Arbeit und Zeit. Arbeitszeitkonflikte beziehen sich dabei nicht nur auf die Länge und die Aufteilung des Arbeitstages, sondern gehen mit der Aushandlung gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen einher. Damit stellen Kämpfe um und Vorstellungen von Arbeitszeit in mehrfacher Hinsicht einen lohnenswerten interdisziplinären Untersuchungsgegenstand dar. Diesem vielschichtigen und komplexen Thema widmete sich die zweite Konferenz der German Labour History Association (GLHA) im Hamburger Museum der Arbeit. Im Anschluss an gegenwärtige geschichtswissenschaftliche Debatten zu Zeit als analytischer Kategorie und Forschungsgebiet loteten die Tagungsbeiträge das spezifische Verhältnis von Arbeit und Zeit aus historiographischer und soziologischer Perspektive aus.

Nach der Begrüßung durch den stellvertretenden Vorsitzenden der GLHA, STEFAN MÜLLER (Bonn), führten KNUD ANDRESEN (Hamburg) und NICOLE MAYER-AHUJA (Göttingen) inhaltlich in die Konferenz ein. Sie benannten fünf zentrale Gründe, weswegen eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Komplex Arbeit/Zeit für die Arbeitsforschung relevant sei: Erstens handele es sich um einen Klassiker gewerkschaftlicher Politik, der zweitens einen die Forschung inspirierenden bedeutsamen Gegenwartsbezug aufweise. Drittens zeige sich Zeit als Brennglas für betriebliche Konflikte rund um die Organisation von Arbeit. Zeitregime würden viertens gesellschaftliche und politische Regulierungsszenarien sowie zugrundeliegende Kräfte- und Machtverhältnisse offenbaren. Und zuletzt könne die Arbeitszeitgestaltung im Rahmen von Kapitalismustheorien als Indikator für das Maß von Freiheit dienen.

Das erste Panel demonstrierte, wie Fragestellungen rund um Zeitkonzepte für die Geschichte von Arbeiter:innenbewegung und Gewerkschaften fruchtbar gemacht werden können. CLAUDIA ROESCH (Washington) illustrierte am Beispiel von Robert Owen Vorstellungen von Zeitregimen in frühsozialistischen Reformprojekten des 19. Jahrhunderts. Sie arbeitete heraus, dass die effektive Zeitnutzung und vergleichsweise kurze Arbeitszeiten im Wesentlichen auf Bildung und moralische „Verbesserung“ der Arbeiter:innen ausgerichtet werden sollten. ANNA HORSTMANN (Hamburg) konzentrierte sich anschließend anhand des gesetzlichen Nachtarbeitsverbots für Frauen in industriellen Berufen auf den Konnex Arbeitszeit und Geschlecht in gewerkschaftlichen Positionen. Anhand von Broschüren, Plakaten und internen Debatten der west- und gesamtdeutschen Gewerkschaften von den 1970er- in die 1990er-Jahre hinein veranschaulichte sie mitunter beharrliche biologistische Argumentationsweisen gegen weibliche Nachtarbeit. Deren Grundlage sei ein heteronormatives Ernährer-Hausfrauen-Modell gewesen, frei nach dem Slogan „Mutti’s Nachtschicht ist zu Hause“.

Auf der nachfolgenden Podiumsdiskussion diskutierten SANDRA SCHÜRMANN (Hamburg), RITA MÜLLER (Hamburg) und SABINE KRITTER (Berlin) über die Darstellung von Arbeit und Zeit in der Museumspraxis und die Herausforderung, abstrakte Phänomene verständlich zu vermitteln, ohne ihre gesellschaftliche Pluralität zu simplifizieren. Am Beispiel von Zeitmessern debattierte die Runde, inwiefern sich die museale Praxis primär an ausstellbaren Objekten oder an konzeptionellen Fragestellungen orientieren solle. Mit Rekurs auf die in zahlreichen Museen zum fast schon ikonographischen Symbol von Arbeit gewordene Stechuhr problematisierte sie auch deren inhärenten Fokus auf spezifische Arbeitsformen wie die Industriearbeit und inwiefern solche Darstellungsformen Gefahr liefen, Arbeitsformen wie die Sorgearbeit unsichtbar zu machen.

Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Panel zu Arbeit und Freizeit sowie deren unklaren Grenzen aus migrationshistorischer Perspektive. OLGA SPARSCHUH (München) kontrastierte das Freizeitverhalten männlicher Arbeitsmigranten aus dem italienischen Mezzogiorno in den Industriestädten Turin und München zwischen 1950 und 1975. In Turin sei ihre Freizeit außerhalb der Betriebe vor allem durch zusätzliche informelle Arbeit in Form einer sogenannten zweiten Beschäftigung reduziert worden, wogegen viele Migranten in München anfangs eine erzwungene Langeweile aufgrund eines Zuviel an Freizeit erlebt hätten. In beiden Industriegesellschaften sei ihre in der agrarisch geprägten süditalienischen Gesellschaft erlernte Freizeitgestaltung im öffentlichen Raum aber als defizitär empfunden worden. Im Anschluss an diese historischen Tiefenbohrungen gab LISA CARSTENSEN (Kassel) einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung rund um Zeitbegriffe. Der von ihr konstatierte Hype drehe sich insbesondere um die Untersuchung von Konflikten in und um temporäre Arrangements von Arbeit, Migration und Leben. Konzepte wie eine „just-in-time-“ und „to-the-point-migration“ bewertete Carstensen jedoch überwiegend als bloße Steuerungsphantasien, da migrantische Temporalitäten sich nicht kongruent zu unternehmerischen Bedarfen strukturieren würden. Vielmehr seien Spannungsverhältnisse zwischen sich überlagernden, nur bedingt kohärenten zeitlichen Rationalitäten von Migrations- und Arbeitszeitpolitiken zu erkunden.

Mit Formen unfreier Arbeit zwischen Zwang, Verwertbarkeit und Eigensinn setzten sich die Referentinnen des dritten Panels auseinander. ANNE PURSCHWITZ (Halle) nahm die Konferenzteilnehmenden mit in die Frühe Neuzeit und hinterfragte den Wert von Zeit anhand des Frondienstes in Sachsen zwischen 1650 und 1850. Zeitpunkte und -räume der Frondienste seien zentraler Gegenstand von Aushandlungen vor Gericht gewesen, wo die Einforderung von Zeitautonomie durch die fronuntertänige Bauernschaft auf den Anspruch ihrer Herrschaften gestoßen sei, frei über die Zeit ihrer Untertan:innen zu verfügen. Nachfolgend skizzierte FABIANA KUTSCHE (Köln) in ihrem mit Ulrike Lindner (Köln) erarbeiteten Vortrag, wie beinahe 200 Jahre später Experten der International Labour Organisation (ILO) während der Erarbeitung der Forced Labour Convention von 1930 rassifizierte Diskurse reproduzierten. So hätten deren Empfehlungen zur Eingrenzung von Zwangsarbeit ebenfalls auf rassistischen Stereotypen beruht. Das zum Teil aus ehemaligen Kolonialbeamten bestehende Gremium habe sich dabei auf Zuschreibungen einer angenommenen „afrikanischen Faulheit“ rückbezogen, mit denen Zwangsarbeit im kolonialen Kontext als angebliche Zivilisationsleistung gerahmt worden war.

Das vierte Panel beleuchtete Verschiebungen in herrschenden Arbeitszeitregimen. LUCIE DUŠKOVÁ (Leipzig) thematisierte Strategien, mit denen die kommunistische Partei in der staatsozialistischen Tschechoslowakei in den 1950er-Jahren Arbeiter:innen für die „sozialistische“ Nachtarbeit zu motivieren suchte. Neben Kontrollsystemen seien dabei maßgeblich materielle und immaterielle Boni eingesetzt worden, um die Arbeit unter den als schlechter anerkannten nächtlichen Bedingungen attraktiv zu machen. Die Referentin stellte allerdings fest, dass die gebotenen ökonomischen Anreize letztlich doch zu gering gewesen seien, sodass die Nachtschichten vor allem mit Strafarbeiter:innen besetzt wurden. In einer langen Linie zeichnete daraufhin CHRISTIANE BERTH (Graz) für Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert die Entwicklung von der Telefonzentrale als weiblich besetztem „Ort der Moderne“ zum Call Center als „Fabriken der Kommunikation“ nach. Bei der anfangs manuell erfolgten Telefonvermittlung seien Konflikte über die Ressource Zeit nahezu auf der Hand gelegen. Berth arbeitete darüber hinaus heraus, dass sich entlang von Zeitkonflikten eine Kontinuität bis in die Gegenwart erkennen ließe und Call Center mit ihren rigiden Zeitvorgaben in der Tradition der Telefonzentralen stünden.

Mit dem Zusammenhang von Erwerbsarbeitszeiten und Care-Zeiten fokussierte das fünfte Panel wiederum die Frage nach der Bedeutung von Geschlechterordnungen. Basierend auf einer Sekundäranalyse zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Interviews ab 1975, ergänzt um selbst geführte Interviews, legte PETER BIRKE (Göttingen) dar, wie eine Perspektivverschiebung auf bereits vorliegendes Material die Verbindung von betrieblichen Konflikten und Care-Arbeiten in neuem Licht erscheinen lasse. Am Fall eines 1989 geführten Interviews mit einer Altenpflegerin charakterisierte er die Spezifik vergeschlechtlichter Arbeitszeitkonflikte in der Pflegebranche. LAURA MOSER (Heidelberg) untersuchte anschließend das umstrittene Verhältnis von Erwerbs- und Sorgearbeit am Beispiel der Kleinkindbetreuung im bundesdeutschen Modellprojekt „Tagesmütter“ (1974–1979). Wie Moser insbesondere mit Blick auf die erwerbstätigen Mütter und die betreuenden Tagesmütter als involvierte Akteursgruppen argumentierte, hätten sich rund um die organisierte Betreuung zahlreiche Zeitkonflikte, vornehmlich um die Länge und die Lage der Betreuungszeiten ergeben. Da die Betreuenden privat und weiblich gelesene Sorgeaufgaben für berufstätige Frauen übernahmen, sei ihre Tätigkeit oftmals nicht als Lohnarbeit mit klassischen Arbeitszeiten anerkannt worden. MIRIJAM SCHMIDT (Heidelberg) sprach in ihrem Beitrag die prekäre Situation alleinerziehender Mütter im Nationalsozialismus und der frühen Bundesrepublik an. Sie seien im Nationalsozialismus einer besonderen gesellschaftlichen Diskriminierung ausgesetzt gewesen, die sich in der Bundesrepublik verschiedenartig fortgesetzt habe. In den analysierten staatlichen Sorgerechts- und Fürsorgeakten sei oftmals die Erwerbstätigkeit und das Freizeitverhalten der alleinerziehenden Frauen als Grund für eine vermeintliche „Verwahrlosung“ ihrer Kinder angeführt worden. Die behördlichen Versuche der Sozialdisziplinierung hätten sich nicht nur auf die Erwerbsarbeit, sondern mindestens ebenso stark auf das Privat- und Sexualleben dieser Frauen gerichtet.

Ein Panel zur Entwicklung der Lebensarbeitszeit in der Longue durée eröffnete den dritten Konferenztag. In diesem zeichneten CORNELIUS MARKERT (Berlin) und JÜRGEN SCHMIDT (Trier) in diachroner Perspektive die Veränderungen der Lebensarbeitszeit zwischen 1800 bis 2000 in Großbritannien und den USA nach. Im Analysezeitraum seien erstmals arbeitsfreie Phasen wie Kindheit, Ruhestand und Freizeit entstanden. Sowohl die Lebenserwartung als auch das Ausmaß der Freizeit seien gestiegen, wohingegen sich die Lebensarbeitszeit durch die arbeitsfreien Phasen verringert habe. Eine solche Entwicklung lasse sich allerdings nicht für Haus- und Care-Arbeit festmachen, da deren zunehmende Erleichterung durch Mechanisierung mit gleichzeitig gestiegenen Ansprüchen einhergegangen sei. Schmidt benannte die demographische Entwicklung, den Produktivitätszuwachs, die organisierte Arbeiterschaft sowie staatliche Regulierungen als Ursachenbündel, die zur Reduktion der Lebensarbeitszeit geführt hätten. Anhand zweier Tiefenbohrungen um 1900 und um 2000 verdeutlichte Schmidt sich wandelnde Wahrnehmungen. Während die Verkürzung der Lebensarbeitszeit um 1900 aufgrund der geringen Lebenserwartung kaum thematisiert worden sei, habe sich um 2000 eine Mehrheit in Befragungen kürzere Lebensarbeitszeiten auch unter Inkaufnahme materieller Einbußen gewünscht.

Das siebte Panel widmete sich Konflikten um die Ausgestaltung von Pausenzeiten. CAROLINE ROTHAUGE (Eichstätt) argumentierte in ihrer Untersuchung zu Arbeits- und Pausenzeitgestaltung um 1900 gegen Thesen wie denen von E.P. Thompson, dass sich mit der Industrialisierung ein einziges modernes Zeitbewusstsein herausgebildet habe. Auseinandersetzungen um Pausenzeiten im deutschen Kaiserreich würden verdeutlichen, wie konfliktreich und unabgeschlossen dieser Prozess gewesen sei. Viele Beschäftigte hätten weiterhin eine lange Pause in der Tagesmitte angestrebt, um beispielsweise zuhause zu Mittag essen zu können. Es sei aber auch die Forderung nach der durchgängigen, sogenannten englischen Arbeitszeit ohne Unterbrechung aufgekommen, welche als Kulturfortschritt und der modernen Lebensweise entsprechend deklariert wurde. Beide Argumentationen seien klassen- und milieuübergreifend wiederzufinden gewesen. Dass die englische Arbeitszeit nicht flächendeckend eingeführt wurde, wertete Rothauge als Hinweis auf eine temporale Pluralität, die entgegen der retrospektiven Vorstellung einer synchronisierten „modern time“ weiter existiert habe. Ebenfalls fürs Kaiserreich ging MANUEL SCHRAMM (Chemnitz) der Regulierung von Pausenzeiten für jugendliche Arbeiter:innen nach. Die Gewerbeaufsicht habe eine einheitliche Gestaltung der Pausenzeiten angestrebt, was jedoch auf vielfältige Hindernisse gestoßen sei. So habe nur ein Teil der Fabriken den Beschränkungen der Gewerbeordnung unterstanden, es hätten branchenspezifische Unterschiede existiert und beispielsweise in der Heimarbeit keine festen Arbeitszeiten gegeben. Auch seien die Vereinheitlichungsversuche von den Arbeiter:innen teilweise als Disziplinierungsmaßnahmen abgelehnt worden. Schramm resümierte, dass die Gewerbeordnung im Spannungsfeld zur Praxis gestanden habe und parallel existierende Zeitordnungen konfligiert hätten: Eine weitgehend selbstbestimmte Arbeitszeitorganisation, die Orientierung an Maschinenlaufzeiten sowie die Orientierung an einer abstrakten Zeit durch die Gewerbeaufsicht.

Das achte Panel rückte die rechtliche Dimension von Arbeitszeitkonflikten auf der Betriebsebene in den Fokus. JOHANNA WOLF, MATTHIAS EBBERTZ und TIM-NIKLAS VESPER (alle Frankfurt am Main) – BENJAMIN SPENDRIN (Darmstadt) war verhindert – befassten sich mit den arbeitsrechtlichen Entwicklungen in der Metallindustrie vom 19. bis ins 20. Jahrhundert. Grundlage ihrer Forschungen zum nichtstaatlichem Recht der Wirtschaft bilden staatliches Recht ergänzende Normtexte wie Arbeits- und Fabrikordnungen oder Tarifverträge, die in einer digitalen Quellenedition münden sollen. Der in den Quellen zum Ausdruck kommende Regelungsbedarf, so die Vortragenden, indiziere vorausgegangene Konflikte oder eigensinniges Verhalten, wie sie am Beispiel des Rauchens deutlich machten. Die Frage der Durchsetzung von Rauchverboten und des Widerstands dagegen lasse sich aus den Quellen zwar nicht direkt ersichtlich machen, werde aber an dem wiederholt auftretende Neuregelungsbedarf erkennbar. Dieser zeige darüber hinaus, dass Arbeitgebende auch Ansprüche stellten, die nicht in direkter Beziehung zur Arbeit gestanden hätten. CATHARINA HÄNSEL (Göttingen) diskutierte in ihrem Vortrag das Verhältnis von Arbeitszeitmodellen und Entlohnungsstrukturen als Teil der Formalisierung der indischen Lohngesetzgebung zwischen 1935 und 1965. Sie unterschied drei miteinander verwobene Analysedimensionen: Die politisch-rechtliche Ebene, die betriebliche Ebene sowie die Ebene der privaten Reproduktion. Hänsel erörterte exemplarisch am „Ahmedabad Experiment” aus den 1950er-Jahren die Rolle externer Expert:innen und sozio-technischer Methoden der Betriebsführung. Im Experiment sei das Londoner Tavistock Institute mit einer Betriebsanalyse beauftragt worden, um die regelmäßige Anwesenheit im Betrieb zu erhöhen und spontane Reproduktionszeiten, die zum Verlassen des Arbeitsplatzes führten, zu verringern. Letztlich sei das äußerst schematisch angelegte Vorhaben jedoch an der Fokussierung auf die Betriebsebene und der Außerachtlassung regionaler Verhältnisse gescheitert.

Die dreitägige Tagung beleuchtete den engen Konnex von Arbeit und Zeit in unterschiedlichen historischen und regionalen Konstellationen sowie aus verschiedenen fachlichen Blickwinkeln. Trotz der Vielfalt der Perspektiven einte die Vorträge vielfach der Verweis auf den Zusammenhang von Aushandlungen um Arbeitszeit mit größeren gesellschaftlichen Fragen und Konflikten, mit gesamtgesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen. Als roter Faden zog sich hier die Kategorie Gender durch die Tagung, die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlich wirkmächtigen Geschlechterverhältnissen und herrschenden Arbeitszeitmodellen illustrierte. Deutlich wurde daran, dass die Regulierung der Erwerbsarbeitszeit oftmals ebenfalls Regulationsversuche des Privatlebens implizierte. Die Mitverhandlung von gesellschaftlichen Fragen bildet eine interessante Parallele zu aktuellen Diskussionen um die Arbeitszeiterfassung. Dieser Aktualitätsbezug, die Themenvielfalt, der interdisziplinäre Zugriff und die Resonanz der Teilnehmenden bewies erneut, dass die Neubefassung mit Themen der Labour History keine Eintagsfliege ist – und dass die Ergebnisse der Labour History sowie der sozial- und politikwissenschaftlichen Arbeitsforschung wesentlich zum Verständnis der allgemeinen Geschichte beitragen.

Konferenzübersicht:

Stefan Müller (Bonn), Knud Andresen (Hamburg), Nicole Mayer-Ahuja (Göttingen): Begrüßung und Einführung in das Tagungsthema

Panel 1: Umkämpfte Zeitkonzepte in der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung
Moderation: Franziska Rehlinghaus (Göttingen)

Claudia Roesch (Washington): Zeit für Arbeit und Bildung: Die Rolle von Zeitregimen in frühsozialistischen Reformkonzepten im 19. Jahrhundert

Anna Horstmann (Hamburg): „Mutti’s Nachtschicht ist zu Hause“. Gewerkschaftliche Perspektiven auf Arbeitszeit und Geschlecht am Beispiel des Nachtarbeitsverbots für Frauen

Übergabe des Thomas-Welskopp-Dissertationspreises der GLHA

Podiumsdiskussion: Zeit und Arbeit. Narrative und Vermittlung einer verflochtenen Geschichte
Sabine Kritter (Berlin), Rita Müller (Hamburg); Moderation: Sandra Schürmann

Panel 2: Unklare Grenzen. Arbeitszeit und Freizeit
Moderation: Mareike Witkowski (Oldenburg)

Olga Sparschuh (München): Freizeit zwischen Arbeit und Langeweile. Italienische Arbeitsmigration in Turin und München, 1950–1975

Lisa Carstensen (Kassel): Konflikte in und um temporäre Arrangements von Arbeit, Migration und Leben: Einsichten aus der Migrationsforschung

Panel 3: Arbeitszeit zwischen Zwang, Verwertbarkeit und Eigensinn
Moderation: Katja-Patzel-Mattern (Heidelberg)

Anne Purschwitz (Halle): Zeit für unfreie Arbeit – Der Wert der Zeit (Sachsen 1650–1850)

Fabiana Kutsche (Köln): Zwischen 8-Stunden-Tag, Einsatz für das Empire und „afrikanischer Faulheit“: Rassifizierte Arbeitszeitdiskurse und die ILO, 1919–1930

Führung durch das Museum der Arbeit

Panel 4: Zeit-Verschiebungen
Moderation: Nina Kleinöder (Bamberg)

Lucie Dušková (Leipzig): The socialist night-work. Finding the night-shift workers in state-socialist Czechoslovakia

Christiane Berth (Graz): Von der Telefonzentrale zum Call Center: Zeitkonflikte in Lateinamerika (1900–2010)

Panel 5: Arbeitszeiten/Care-Zeiten
Moderation: Michaela Kuhnhenne (Düsseldorf)

Peter Birke (Göttingen): Arbeitszeitpolitiken seit 1985. Betriebliche Konflikte um reproduktionsorientierte Arbeitszeiten

Laura Moser (Heidelberg): (Care-)Zeit. Annäherung an ein „weibliches“ Dilemma am Beispiel der ersten bundesdeutschen Tagesmütter

Mirijam Schmidt (Heidelberg): Eine nie endende Arbeit – „Alleinerziehende“ Mütter im Nationalsozialismus und der frühen BRD im Spiegel von Sorgerechts- und Fürsorgeakten in Baden und Württemberg

Panel 6: Zeit, Arbeit, Leben
Moderation: Stefan Müller (Bonn)

Cornelius Markert (Berlin)/Jürgen Schmidt (Trier): Die Entwicklung der Lebensarbeitszeit von 1800 bis 2000

Panel 7: Zeit im Betrieb: Arbeit und Regeneration um 1900
Moderation: Mareen Heying (Düsseldorf)

Caroline Rothauge (Eichstätt): Lange, kurze oder keine Mittagspause? Zum (Miss-) Erfolg „durchgehender“ Arbeitszeiten im Deutschen Kaiserreich um 1900

Manuel Schramm (Chemnitz): Pausen für jugendliche Arbeiter/innen im Kaiserreich

Panel 8: Arbeitszeit im Recht
Moderation: Nicole Mayer-Ahuja (Göttingen)

Johanna Wolf/Matthias Ebbertz/Tim-Niklas Vesper (alle Frankfurt am Main): Die Ökonomie der Zeit. Ein Digitalisierungsprojekt zur Erforschung von deutschen Arbeits- und Fabrikordnungen des 19. und 20. Jahrhunderts

Catharina Hänsel (Göttingen): Das „Ahmedabad Experiment” – Die Rolle von lokalen Arbeitsgerichten in der indischen Lohnpolitik, 1935–1965

Abschlussdiskussion